Wenn Kunst und Trauerbegleitung verschmelzen

Die Luzerner Künstlerin Mia P. Bordoli verbindet Kunst in Bild, Text und Gestalt mit Trauerbegleitung. Wie sie dazu gekommen ist und wie sie andere Menschen nach ihrer Weiterbildung bei Lebensgrund Luzern, Begleitung in Übergängen, in der Transformation von Trauer in Lebensfreude unterstützen möchte, erzählt sie David Kressebuch vom 360 MAGAZIN in einem schriftlichen Interview.


Wie bist du zum Malen gekommen?
Gemalt habe ich schon im Gymnasium. Aber damals sind Kreativität und Kunst nicht besonders gefördert worden, ganz im Gegensatz zur heutigen Zeit. Ich hatte schon immer grosse Freude am Malen und an der Kreativität. Dies ist dann bei mir leider in Vergessenheit geraten, bis ich im Jahr 2003 eine psychische Krise hatte. Und dann habe ich wieder angefangen zu malen, vor allem damit meine Gefühle ins Fliessen kommen. Und da habe sehr schnell gemerkt, das ist meine Welt oder zumindest ein grosser Teil meiner Welt. Ich bin dann beim Malen geblieben und habe diverse Weiterbildungen im künstlerischen Bereich gemacht. Vor allem male ich leidenschaftlich gerne abstrakt und experimentell.

Wer oder was hat dich auf dem Weg zum Malen inspiriert?
Angefangen habe ich bei der Migros Klubschule in Luzern und Zürich mit experimentellem und abstraktem Malen, mit Aquarellieren, mit diversen Mischtechniken, mit Collagen und Action Painting, aber auch mit prozess- und lösungsorientiertem Malen. Ich besuchte eineinhalb Jahre die Farbmühle in Luzern (Schwerpunkte experimentelles Malen und Akt) bei Gualtiero Guslandi, der die Farbmühle damals leitete. Anschliessend habe ich unter anderem im Atelier von Annelies Gadea, einer Künstlerin aus Luzern, gemalt. Bei der Künstlerin Odile Petitpierre nahm ich während mehreren Jahren in ihrem Atelier in Adligenswil an verschiedenen Workshops und Themenwochen teil (abstrakt-experimentelles Malen, Action Painting). Seit zwei Jahren male ich regelmässig bei meiner Freundin Susanne Guler, Mal- und Kunsttherapeutin, in Bern. Und seit Juni 2016 in meinem Atelier «ars viviendi by mia p. bordoli» an der Tivolistrasse 1 in Luzern – allein, mit meiner Freundin und Fotografin Donika Shasivari oder in Kleingruppen.

Was bedeutet für dich Kreativität?
Kreativität ist mein Lebensinhalt. Für mich ist Kreativität gleichbedeutend mit Lebensfreude und -energie und dies möchte ich auch (trauernden) Menschen vermitteln. Kreativität heisst für mich – unter anderem – schöpferisch tätig zu sein. Kreativität (verbunden mit Fantasie, Inspiration, Visionen, Intuition) setzt Prozesse in Gang, ist Leben, ist gelebte und gespürte Lebendigkeit.

Wen willst du mit deinen Bildern ansprechen?
Mit meinen Bildern will ich niemanden speziell ansprechen. Will heissen, ich versuche all diejenigen anzusprechen, die Freude an Kunst und Kreativität haben. Meine Bilder sollen bei Menschen Emotionen wecken und auslösen und ihnen Inspirationen und gute Gefühle schenken. Selbstverständlich freue ich mich auch, wenn mit meinen Bildern Lebensraum «verschönert» wird. (lacht)

Welche Menschen kaufen deine Bilder?
Nicht ganz junge, also eher ältere. Obwohl meine Bilder durchaus auch jüngere Menschen ansprechen, kaufen diese (bis jetzt) keine Bilder von mir. Vielleicht ist dies eine Preisfrage, obwohl meine Bilder erschwinglich sind. Bei der letzten Ausstellung im Hotel Schweizerhof Luzern (August/September 2016) haben vor allem Männer Bilder gekauft, einige waren jedoch in Begleitung von Frauen. Die Frauen haben dann die Bilder ausgesucht und die Männer haben bezahlt. (lacht)

Weshalb Kunst in Bild und Text?
Mein Erstberuf ist Übersetzerin. Texte zu übersetzen ist mir zu wenig kreativ. Ich habe jedoch eine langjährige Erfahrung als Korrektorin (was bereits mehr Spielraum zulässt) und Texterin (was wiederum sehr kreativ sein kann). Ich finde es spannend, meinen Erstberuf mit dem Malen von Bildern zu kombinieren. Zu meinen Bildern mache ich mir meine Gedanken und schreibe gerne Texte dazu.

Wie verbindest du Kunst mit Trauerbegleitung?
Ich bin seit Januar 2016 in Ausbildung bei Lebensgrund Luzern, Begleitung in Übergängen, für Trauerbegleitung und für Fachfrau Abschiedsrituale. Im Juli 2017 schliesse ich die Ausbildung ab, hinter der ich übrigens voll und ganz stehe und die ich allen, die Interesse an Lebensübergängen habe, empfehlen kann. Kunst, Kreativität ist eine von mehreren Möglichkeiten, Trauer in Lebensfreude und -energie umzuwandeln. Manche Menschen sind in der Trauer – Trauer ist übrigens eine normale und gesunde Reaktion auf einen Verlust – erstarrt, vor allem Menschen, die Mühe haben, über ihre Emotionen zu sprechen. Gerade diese Menschen können durch ein Bild Trauer zum Ausdruck bringen. Es ist wichtig, Trauer zu leben, zuzulassen, auszudrücken. Wenn ein trauender Mensch «etwas macht» (eben ein Bild malt oder etwas gestaltet oder über seine Gefühle schreibt), spürt er, dass er nicht Opfer, sondern «handlungsfähig» ist, er spürt Leben, er spürt, dass das Leben weitergeht.

Wie funktioniert die Kombination Kunst und Trauerbegleitung in der Praxis?
Eine Möglichkeit ist, den Trauernden zu fragen, welche Farbe(n) oder welche Blume(n) er mit Trauer in Verbindung bringt. Oder ihn zu fragen, in welcher Landschaft er sich im Moment der Trauer sieht. Viele sprechen dann zum Beispiel von einer trostlosen Wüste oder von einem zugefrorenen Fluss. Durch das Gespräch entwickelt sich bei vielen Freude und Bereitschaft, ihre Gefühle auf Papier zu bringen, eben auszudrücken.

Wieso macht Trauerbegleitung Sinn?
Leider ist in unserer Gesellschaft Trauer noch immer ein Tabu – vor allem, weil man Trauer mit Sterben, Tod und der eigenen Endlichkeit in Verbindung bringt. Eine Begleitung bei Trauer kann helfen, Gefühle zuzulassen und auszudrücken, damit Trauer, wie bereits erwähnt, in Lebensfreude und -energie umgewandelt werden kann. Ausserdem ist es in unserer
leistungsorientierten Gesellschaft sozusagen ein Muss, möglichst schnell wieder in den Alltag zurückzukehren und zu funktionieren. Viele können und möchten das nicht, was auch vollkommen richtig ist, denn Trauer ist ein (manchmal sehr langer und vor allem individuell langer) Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist (und auch nicht sein muss). Bei der Trauerbegleitung versuche ich, den trauernden Menschen dazu zu bringen, dass er in dem Verlust auch einen «Gewinn» sieht – wenn der Gewinn auch «nur» in der Möglichkeit einer Weiterentwicklung, im «Schreiben» einer neuen Lebensgeschichte oder in einer möglichen neuen Sinnfindung besteht. Der trauernde Mensch soll wissen, dass die Trauer da sein darf, aber dass sie sein Leben nicht beherrschen sollte. Irgendwann soll und darf die Trauer ein Gast sein, den man gelegentlich willkommen heisst, den man aber jederzeit wieder verabschieden darf. Auch trauernde Menschen sollen und dürfen sich wieder dem Leben zuwenden.

Wie kann man sich als Trauerbegleiterin abgrenzen?
Wenn du Menschen in Trauer begleitest, ist es wichtig, dass du zuerst deine eigene Trauergeschichte reflektierst. Und dir immer wieder Gedanken machst, wo du stehst, wie du getrauert hast, ob du immer noch trauerst und wie du mit Trauer umgehst. Ganz wichtig ist auch, dass du deine eigene Geschichte nicht in die Geschichte des Trauernden einfliessen lässt. Du begleitest und gehst mit, lässt dich aber nicht mitreissen.

Welches sind deine Träume und Visionen für die Zukunft?
Grundsätzlich lebe ich im Hier und Jetzt. Im Hier und Jetzt zu leben, den Augenblick zu geniessen, geerdet, verankert zu sein – das möchte ich den Menschen (auch in Momenten der Trauer) vermitteln. Das schliesst selbstverständlich nicht aus, dass ich meine Visionen, meine Träume, ja, manchmal auch meine Tagträume habe. Mein grösster Wunsch ist, immer kreativ tätig sein zu können und an meinem Lebensende versöhnt (weiter?) zu gehen – in der Überzeugung, mein Leben achtsam und bewusst und genussvoll (und kreativ!) gelebt zu haben.